Hinter den Kulissen

Hinter den Kulissen

WAS STOPPT GESCHOSSE?
Gewachsener Boden ist der sicherste Kugelfang. Wie aber ist es um eine Hecke, ein Maisfeld oder Schnee bestellt? Claudia Elbing, Michael Schmid und Andreas Bach zeigen die Auswirkungen, die dem Jäger meist verborgen bleiben.

Das Jagdrevier ist kein eingezäunter Schießstand. Selbst im dichtesten Unterholz ist heute mit Joggern, Wanderern oder Geocachern zu rechnen. Eine hohe Besiedlungsdichte und ein engmaschiges Straßen- und Wegenetz sind zusätzliche Risikofaktoren. Um eine Gefährdung Dritter auszuschließen, hat bei der Jagdausübung ein sicherer Kugelfang oberste Priorität. Das ist bei der Ansitzjagd in aller Regel gegeben. Der Schütze feuert aus erhöhter Position in Richtung Erdreich, dieses nimmt Geschossreste und Splitter meist vollständig auf. Anders sieht die Situation bei Drück- und Erntejagden oder auf der Pirsch aus. Hier wird oft ebenerdig stehend oder sogar liegend geschossen. Extrem flache Flugbahnen sind die Folge.
Vor allem in der Ebene oder hangabsowie hangaufwärts findet sich dafür nicht immer ein geeigneter Kugelfang. Alternativ bieten sich Hecken, Waldstreifen, Mais, Getreide oder Schneewehen an. Sie suggerieren dem Schützen optisch eine Barriere. Auge in Auge mit der flüchtenden Rotte greift man gerne nach so einem Strohhalm. Ob dieser jedoch genügt, ein 700 Meter (m) pro Sekunde schnelles und mit der Energie von 3 500 Joule bewegtes Projektil zu stoppen, ist fraglich. Kugelfang oder Kulisse – wir haben den Sachverhalt in drei Versuchen überprüft.

Beschuss „Mais“
Als Versuchsfläche diente ein Silomaisfeld kurz vor der Ernte. Die Reihen verliefen im Abstand von 35 Zentimetern (cm) quer zum Schützen. Als Auffang- und Zielmedium nutzten wir stabile, reißfeste Lkw-Plane (Höhe 1,4 m, Länge 10 m). Die Folie stand 5 m außerhalb des Feldes. Geschossen wurde aus einer lückigen Stelle im Mais (nicht aufgegangene Saat). Die hindernisfreie Flugbahn betrug 20 m. In der ersten Runde hatten die Projektile eine homogene Maisfläche von 15 m, in der zweiten von 30 m Tiefe zu überwinden. Die Plane war für den Schützen nicht sichtbar, deshalb diente eine hohe, besonders charakteristische Fichte als Haltepunkt. Auf beide Entfernungen gaben wir stehend freihändig jeweils drei Schuss pro Testlaborierung ab. Außerhalb der Versuchsfläche garantierte das steil ansteigende Gelände absolut sicheren Kugelfang.

Beschuss „Hecke“
Für den Versuch konnten wir ein 20 m breites, mit Holunder, Wacholder, Bergahorn und Schwarzdorn bestocktes Feldgehölz auf einem Truppenübungsplatz nutzen. Der maximale Stamm- beziehungsweise Astdurchmesser auf der „Schussstrecke“ betrug zwei cm. Vielfältige Vegetation sorgte für inhomogene Widerstandsverhältnisse. Das Zielmedium bestand ebenfalls aus reißfester Lkw-Plane (Höhe: 1,4 m, Länge: 10 m). Zum Auffangen von Geschossresten bauten wir die Folie 10 m hinter dem Heckenstreifen auf. Die Gesamtschussdistanz betrug 50 m, davon waren 20 m vor der Hecke hindernisfrei. Obwohl die Plane bruchstückhaft erkennbar war, diente als definierter Haltepunkt eine einzeln stehende Kiefer. Jeweils drei Schuss pro Laborierung gaben wir stehend freihändig ab.

Beschuss „Schnee“
Ebenfalls auf einem Truppenübungsplatz stand für den Test eine tief verschneite Heidefläche zur Verfügung. Die Schneehöhe betrug 40 cm (drei Tage alter, lockerer Pulverschnee ohne Verdichtungen). Der hindernisfreie Geschossflug vor dem Zielaufbau erstreckte sich über eine Distanz von 10 m (freigeschaufelte Rinne). Danach folgten im Abstand von einem Meter in den Schnee gesteckte Pappscheiben. Pro Testlaborierung wurden jeweils drei Schuss liegend aufgelegt (Zweibein) abgefeuert. Um homogene und unbeeinträchtigte Schneeverhältnisse sicherzustellen, wechselten wir den Haltepunkt sowie die Schießposition geringfügig.

Erhöhte Stände verschaffen einen sicheren Kugelfang.
PRAXISTIPPS
Nur erhöhte Stände gewähren bei Drück- oder Erntejagden sicheren Kugelfang. Erdstände sind zu vermeiden. Besteht trotz Hochsitz/Drückjagdbock die Gefahr von „Kulissenschüssen“ (unübersichtliches, bergiges Gelände), sind die Risikobereiche im Gelände zu kennzeichnen. Hilfreich ist eine zusätzliche Warnmarkierung auf der Gewehrauflage.
„Sicher ist sicher“ – in unübersichtlichem Gelände helfen nur detaillierte Informationen (Ansteller, Jagdherr) oder ein „Blick hinter die Kulissen“.
Mit Vegetation bestockte oder verschneite Berg- und Hügelkuppen suggerieren zuverlässigen Kugelfang. Meist liegt jedoch der gewachsene Boden deutlich tiefer als man denkt. Aus der vermeintlich sicheren Kugel wird schnell ein Schuss ins „Leere“.
Liegend abgegebene Schüsse sind besonders risikobehaftet. Alternativ bieten sich Teleskop-Dreibeine an. Sie ermöglichen auf der Pirsch eine erhöhte Schießposition.
Hochsitze sind zu nutzen und am besten schon vorher für die Pirschstrecke einzuplanen.

Im Universalkaliber 8 x 57 IS kamen drei typische Vertreter der Konstruktionsformen „Variabel reagierendes Teilmantelgeschoss“, „Teilzerleger“ und „Deformationsgeschoss“ zum Einsatz. Damit spannt sich der Bogen vom instabilen bis hin zum hart aufgebauten Projektil.
Die Gruppe der einfachen Teilmantelpatronen vertrat das „Hornady Interlock“. Geschosse dieser Kategorie reagieren in Abhängigkeit vom Zielwiderstand unterschiedlich. Das Spektrum reicht von plastischer Verformung mit hohem Restgewicht bis hin zur vollständigen Mantel-Kern-Separation mit intensiver Splitterbildung. Für die Teilzerleger ging das bleifreie „Jaguar Classic“ (Monoblocgeschoss) ins Rennen. Projektile dieser Gruppe zeichnen sich durch eine vom Zielwiderstand unabhängige, definierte Funktion aus. Dabei zerlegt sich die Geschossspitze in Splitter. Für Tiefenwirkung und sicheren Ausschuss steht ein stabiler, teilweise deformierter Restkörper. Das „Sako Hammerhead“ (Verbundkerngeschoss, bleihaltig) vertrat die Kategorie der Deformationsgeschosse. Kennzeichnend für diese Projektile ist ein hohes Restgewicht (90 – 100 Prozent) und kontrolliertes Aufpilzen. Splitter werden im Wildkörper nicht oder nur in sehr geringem Umfang abgegeben.

Sako Hammerhead 8 x 57 IS, 13 g

Typ: Deformationsgeschoss (Verbundkern, bleihaltig)
Aufbau: Die Wandstärke des Tombakmantels nimmt zur Spitze hin ab, der einteilige Bleikern ist fest mit dem Mantel verbunden (gebondet). Pressrillen zur zusätzlichen Mantel-Kern Fixierung
Funktion laut Hersteller: Deformation auf das 2,5-fache Kaliber, Restgewicht: ≥ 98 Prozent (%) Geschosse mit vergleichbarer Wirkungsweise:
bleihaltig (z. B.): Norma Oryx, Brenneke TOG, RWS Evolution; bleifrei (z. B.): Hornady GMX, Barnes TTSX, Lapua Naturalis, Sellier & Bellot XRG

Testergebnis Mais: Die Geschosse durchschlugen eine Vielzahl von Blättern, Stängeln und Kolben, bevor sieausnahmslos die Zielplane erreichten. Egal, ob 15 oder 30 m Mais – alle Projektile blieben weitgehend richtungsstabil. Von einer Ausnahme abgesehen (1 Splitter, Mais 30 m), waren auf der Folie keine zusätzlichen Splittereinschläge zu finden.
Testergebnis Hecke: Bei allen Versuchen hatten die Geschosse „Holzkontakt“ (Äste/Ruten bis 2 cm Durchmesser). Die richtungsstabilen, deformierten Restkörper durchschlugen ohne Ausnahme die Zielfolie. Auf der Plane waren Splitterwolken mit unterschiedlicher Intensität und Durchmessern zu verzeichnen.
Testergebnis Schnee: Sich mehrfach überschlagend stoppten die Geschosse knapp vor der 4-Meter-Scheibe. Deformation war nur in geringem Umfang feststellbar, die Restgewichte lagen zwischen 97 und 98 %. Richtungsabweichungen von 10 – 20 cm/4 m warendie Regel.

Jaguar Classic 8 x 57 IS, 9,9 g

Typ: Teilzerleger (bleifreies Vollgeschoss)
Aufbau: Das Jaguar ist aus einer Kupferlegierung gefertigt. Eine Expansionsbohrung initiiert die Splitterbildung, das Bohrungsende stoppt den Zerlegungsprozess.
Funktion laut Hersteller: großformige Splitter- und Fahnenabrisse bis zum ersten Führungsring, Restgewicht: bis 85 % Geschosse mit vergleichbarer Wirkung: bleihaltig
(z. B.): RWS ID, und Uni Classic, RWS H-Mantel, RWS DK, Brenneke TUG und TIG; bleifrei (z. B.): Lutz Möller MJG, RWS Bionic Yellow, Sax KJG (SR), Brenneke TUG und TIG nature, Brenneke TAG
Testergebnis Mais: Bei beiden Versuchen (Maistiefe: 15 und 30 m) durchschlugen die Restkörper eine Vielzahl von Maispflanzen und abschließend die Zielplane. In keinem Fall waren zusätzliche Splittertreffer auf der Folie festzustellen.
Bei der 30-m-Distanz kamen die Geschosskörper ins Trudeln. Hier traten auch Richtungsabweichungen von bis zu 2 m auf.
Testergebnis Hecke: Bei allen Versuchen wurden mehrere
Äste/Ruten (Durchmesser: bis 2 cm) abgeschossen beziehungsweise gestreift. Die trudelnden Restkörper durchschlugen ohne Ausnahme die Zielplane. Weitere Splittereinschläge wurden nicht gefunden. Keine vertikale oder horizontale Richtungsabweichung.
Testergebnis Schnee: Die richtungsstabile Eindringtiefe betrug bei allen drei Beschussversuchen circa 3,5 m. Zweimal
waren geringfügige Splitterabrisse festzustellen (Restgewicht: 95 %). Diese durchschlugen noch die 1 m entfernte Pappscheibe. In einem Fall blieb das Geschoss fast völlig unversehrt (Restgewicht: 99 %).

„Alles Kulisse“
Unabhängig vom Geschosstyp durchschlugen die drei Testlaborierungen problemlos die tiefgestaffelte Mais- und Heckenvegetation. Die Restkörper gefährdeten ohne Ausnahme und mit zum Teil veränderter Flugbahn das Hinterland. Auch zusätzliche Splittertreffer waren, allerdings mit unterschiedlicher Intensität, bei allen Projektilen zu verzeichnen. Das Schneehindernis wirkte auf den Geschossflug „sanft wie Watte“. Zuverlässig gestoppt wurden die Testkandidaten jedoch erst nach einer Eindringtiefe
e von ≥ 3 m. Schneewehen oder verschneite Bergkämme mit diesen Dimensionen sind selten.

Deshalb unser Fazit: Egal, ob Mais, Hecke oder Schnee – zum gewachsenen Boden gibt es keine Alternative. Wer sich trotzdem mit „Kulissen“ zufrieden gibt, handelt grob fahrlässig. Das gilt für einfache Teilmantelprojektile genauso wie für stabile Deformationsgeschosse.

0 votes
Profilbild von Admin

Author: Admin

Diesen Artikel teilen:

Kommentar absenden